busfahrt

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Ich sah im September aus dem Fenster eines Busses auf La Palma eine schmerzhafte Muttergottes. Es war etwas wie die große Marienfigur im Zentrum des Wallfahrtsortes, in dem ich geboren wurde. Als Junge war ich oft in ihrer Kapelle oder zumindest in diesem kleinen höhlenartigen Kerzenraum, der, abgetrennt, von außen zu erreichen war. Die neuen langen, dicken und dünnen, die kürzeren abgebrannten und die ganz weggetropften Kerzen waren im Geschäft gegenüber geweiht gekauft. Hinter den Flammen durch rußiges Glas sah man das gelbe Innere der Kapelle. Ich stand auf alten, unebenen Steinen, ohne den Mut, geweihte Kerzen auszupusten.

Als Geburtstagsgeschenk besorgte sich mein Vater im letzten Jahr eine in Bayern handgeschnitzte, im Vergleich zum Original meiner Erinnerung aber in den Proportionen ziemlich missratene kleine Kopie der Muttergottes. Mit dem elektrischen Rollstuhl, auf seinem Schoß die Figur, fuhr er zum Haus des Pfarrers und ließ sie weihen. Ich kam zu Besuch und sagte: "Jesus ist zu klein und Maria zu groß". Wochen später aber berührte mich die Zärtlichkeit eines Kindes zu Pan Tau, als er Puppe war.

Ein Vater war auch meine schmerzhafte Muttergottes auf La Palma. Der Busfahrer hatte uns schon ganz verzaubert. Laut spielte er seine wirre Compilation, Elvis, Salsa und abstruse kanarische Computermusik, und wir stellten uns vor, wie er abends inmitten der Großfamilie seelenruhig vor der Stereoanlage neue Mixkassetten zusammenstellte. Unter seinem Einfluß fuhren wir berauscht über die schöne Insel und sahen zum ersten Mal die Wolken wie langsames Wasser den Bergrücken hinunterfallen. "Wie im Video" war es, was die Worte sind, mit denen wir das aufregende neue Gefühl beschrieben, als in den Achtzigern der Walkman auf den Markt kam. So fuhren wir an einem Garten vorbei, in dem saß ein kleinerer Mann, sicher der Vater, auf einem Stuhl und auf seinem Schoß ein größerer Mann, wohl sein inzwischen erwachsener, geistig behinderter Sohn. Der Alte hielt den Sohn, die Schultern mit seiner Linken, die Beine mit seiner Rechten. Es sah monströs und nach einer zärtlichen Liebe aus. Aus dem Fenster des fahrenden Busses sah man die beiden nur sekundenlang. Ich war gerade erst angekommen.

 

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Vielleicht hätte ich den Boden küssen mögen. Die ersten Schritte gingen auf Teppich durch schäbige Flure. Dann war jemand abgestellt am Fließband, sich zu bücken und die Koffer aufzurichten. Was tat er mit unseren Rucksäcken? Ich weiß es nicht mehr. An seinen Rücken, schwarze Hose und weißes Hemd glaube ich mich zu erinnern, und dass es erst später auffiel, dass er ein Weißer war. Diese Ankunft war vor ziemlich genau zwei Jahren.

Ich habe mich schon einmal daran erinnert, lese es nach, damals ging es mit einer Busfahrt weiter: "[...] am Fenster fährt vorbei: Amerika, sogar: New York, wenn auch noch keine Wolkenkratzer zu sehen sind. Du bist begeistert von den Holzhäusern. Ich versuche zu fühlen, was es für ein Gefühl ist, endlich da zu sein, wohin ich mich sooft schon träumte. Eigentlich empfinde ich nichts Besonderes. Die Gegend erinnert an Vorstädte in Norwegen oder Schweden, wo ich auch noch nie war außer in Filmen. Freude auf die kommenden Wochen, vielleicht über deren Ungewissheit. Du denkst laut darüber nach, wie es wäre, jetzt alleine hier unterwegs zu sein, und wir sind, scheint es, beide sehr froh über die jeweilige Reisebegleitung. Das sagen wir uns auch und küssen uns. Ich muss an eine einsame Reisewoche durch England und Schottland denken kurz bevor wir uns ineinander verliebten. Allein reisen ist das größere Abenteuer. Meine Abenteuerlust ist klein." Fünfeinhalb Wochen später am Frankfurter Flughafen wurden wir frühmorgens von ihrem Vater abgeholt. Er sagte, ihn habe über unsere verspätete Ankunft bereits Zuhause der Bildschirmtext informiert, aber im Nachhinein erscheint es mir, als hätte er dennoch länger auf uns gewartet. Wir saßen dann in seinem komfortablen Ford, er fuhr schnell und steuerte gelassen. Ich auf der Rückbank war achtundzwanzig Jahre alt. Stunden später schliefen wir, erschöpft vom langen Flug, im Kinderzimmer. Blöd zu sagen (um die Lieblingseinleitung einer Frau von später zu benutzen), dass ich damals, angeschnallt durch die Morgensonne chauffiert, ein Junge war. Noch blöder klingt (so leitet sie ein: "klingt jetzt vielleicht blöd") ich sei ein Junge gewesen Monate darauf, als ich auf dem Rasen in einem engen Hamburger Stadtpark, "Planten und Bloemen" oder so ähnlich, wir aßen vorher Eis und hielten unsere Füße in einen trüben Teich, ein Paar seit Jahren, zu ihr sagte: "Es war die schönste Reise meines Lebens", ohne zu denken: "Bisher".

 

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Meine Freunde reichten sich gegenseitig die Flasche mit dem blumigen Whiskey, standen Spalier an der Reling und schauten auf die Festlandreste, den gleichen Schiffswind in den verschiedenen Frisuren. Dann waren einige noch nicht zollfrei einkaufen gewesen, jemand musste aufs Klo, eine, der schlecht war, ging hinunter zu den Sesseln, und eine andere, die mir am liebsten war, stand später allein bei den einarmigen Banditen, strich über die Decks und saß eine Weile auf einer Bank auf der Seeseite. Doch alle fanden sich wieder im Bordrestaurant. Und jeder antwortete: „Für mich“ oder „Hier bitte“ oder hob, den Mund im falschen Moment am Glas, den Arm, wenn die Bedienung kam und meistens nur ein Wort in die Runde fragte: „Schellfisch?“ „Schnitzel?“ „Salat?“ Sie aßen ihre Tellergerichte und ließen einander probieren.

Ich war schon im Hafenbecken über Bord gegangen. Trotz der guten alten Angst, die Brille könnte mir aus dem Gesicht fallen, hatte ich mich hinausgelehnt, die Augen dem Brackwasser gefährlich genähert. Als dräumelte da knapp unter schwappender Oberfläche irgendetwas Sehenswertes, beugte ich mich tiefer hinab, weiter über das Geländer, und als ein Ruck durch das Schiff ging und es ablegte, fiel ich. Da war ich nicht tot, sondern ungeboren und fehlte niemandem.

Nur Augen hatte ich noch, aber nicht die alten Zwei. Ich sollte von nun an sehen mit den vielen Augen des Pöbels, der mit uns im Bus gesessen hatte. Den scheelen Seitenblicken all dieser Personen, dem Glotzen eines schwitzenden Mittvierzigers zum Beispiel, während er sich nach Verebben seines asthmatischen Lachens über einen Witz, in dem das Wort „Futt“ vorgekommen war, das Jackett auszog, verdankte ich die Aussichten auf diese Butterfahrt, die meine Idee gewesen war. Aus lauter trüben Augenwinkeln lugte ich nach meinen Freunden, die mich ganz vergessen hatten.

Es ist Nacht jetzt. Der Bus fährt zurück, und es geht hoch her. Alle sind besoffen, der Pöbel und die Freunde. Sie singen Lieder. Ein junger Krauskopf starrt lange hinüber zu der, die mir am liebsten war. Sie ist eingeschlafen. Und auch mein Ausguck schläft ein, ich erblinde. Gleich zerstreuen sie mich in alle Winde.

 

markus berges


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