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Liebe Erdmöbel,
als ich mich in unserer Redaktionssitzung bereit erklärte, ein
Interview mit Euch bezüglich der neuen CD "Retrospektive" zu führen, war
mir nicht ganz klar, dass sich bei der vorausgehenden Recherchearbeit
vor allen Dingen zwei Gefühle herauskristallisieren sollten.
Zuerst
war da der Neid. Neidisch schaute der Musiker auf Eure spätestens seit
dem Album "Krokus" (2010) steil nach oben verlaufende Erfolgskurve.
Repräsentativ hierfür steht auch der prozentuale Fananteil in unserer
Redaktion.
Und wenn der Neid die kleine, griesgrämige Schwester der Anerkennung ist, dann ist die Wut der bösartige große Bruder.
Also
lud ich ein zum Familientreffen der unreflektierten Gefühle und dachte
wütend, deutsche Texte, die keiner kapiert und jeder analysiert, dazu
ein Kassenbrillengestell aus den 70ern auf der Nase des dahinter
introvertiert und neurotisch ernst guckenden Sängers: Das ist Planspiel
ohne Tiefgang. Und überhaupt, warum interviewt eigentlich mich keine
Sau...!?
Also, liebe Erdmöbel, fuhr ich mit dieser Wut im Bauch
und dem Neid hinter der gerunzelten Stirn zu dem Interviewtermin in
Eurem Tonstudio. Und als ich dort klingelte, packte ich noch schnell das
Vorurteil oben drauf, dass mir jetzt gleich mit Sicherheit ein paar
arrogante, wenn nicht gar zynische Herren meines fortgeschrittenen
Alters gegenübersitzen.
Und dann kam natürlich alles ganz anders.
Da saßt Ihr nun, drei Musiker der vierköpfigen Band, um Euch herum
unzählige Gitarren und andere Instrumente in chaotisch kreativer
Systematik und wirktet, mein lieber Markus Berges, lieber Ekki Maas und
lieber Wolfgang Proppes, undramatisch sympathisch. Wer schon Interviews
von mir gelesen hat, wird feststellen, dass etwaige, zweifelnde
Vorurteile meinerseits im Moment der tatsächlichen Begegnung zumeist von
einer naiven, durchweg positiven Offenheit ersetzt werden. Man mag das
Harmoniesucht nennen, oder einfach nur Erkenntnis.
Und natürlich
hatte ich längst erkannt, dass Ihr, liebe Erdmöbel, einfach sehr gute,
deutschsprachige Popmusik macht. Handwerklich vom Feinsten und durch
verschiedenste Stilrichtungen wandernd, bleibt Ihr doch immer wieder
erkennbar. Das mag, lieber Markus Berges, an Deinen Texten liegen. Denn
Du schaffst es wie sonst kaum einer in unserem Lande, Texte zu
schreiben, die klingen. Texte, wo man ständig dahinter gucken möchte.
Was man besser sein lässt, denn sie nehmen den direkten Weg ins Fühlen.
Und das in meiner Muttersprache. So etwas erlebe ich sonst nur bei
fremdsprachiger Musik. Da kann es jedoch passieren, dass ich einen
ganzen Song lang zärtlichste Gefühle für meine Liebste assoziiere,
während der Sänger über Massentierhaltung philosophiert.
Das würde
mir bei Deinen Texten, lieber Markus, natürlich nicht widerfahren,
zumindest nicht so offenbar. Deine Texte haben Gehalt, keine Frage.
Entscheidend aber ist, dass sie den Sinn in sich selbst tragen und somit
der Sinnlichkeit Platz machen. Man erlebt sie unmittelbar. So wie die
Musik. Und das ist es, was Euch ausmacht.
Wie zum Beispiel bei dem
auf der neuen CD wiederbelebten, wunderbar eingängigen "Für die nicht
wissen wie". Die Strophe erinnert mich mit den gradlinig marschmäßigen
Snaretaktschlägen, unterstützt von der ebenso agierenden Gitarre, an den
Sound der Beatles in Zeiten von 'Sergeant Pepper', bis mich in der
Bridge die Stimme und besagte Gitarre rhythmisch stolpernd in den
Refrain spucken. Da habe ich dann schon aufgegeben, die Bildsprache
dekodieren zu wollen, "Anglermotiv auf einer Dose corned beef" erfasse
ich nur als Klang in seiner sinnfrei sinnigen Bedeutung. Und ich finde
mich wieder, wo Du, lieber Markus, mit dem Titel jonglierst, bis er als
Frage sämtliche Zweifel beantwortet.
Als hätte sich der
Sprössling von Rio Reiser und Tom Waits mit Mineralwasser besoffen und
würde nun mit trunkener Nüchternheit seine optimistische Melancholie gen
Himmel singen. Spätestens hier stehe ich mit Euch, liebe Erdmöbel, und
all' den assoziierten Charakteren auf irgendeinem vom warmen
Posaunenklang herbeigeblasenen Weihnachtsmarkt, Schneeflocken im
grinsenden Gesicht, Textfetzen wie "rotes Regenschirmetui" im Herzen und
bin nun losgelöster Teil dieser feierlichen Hymne.
Da kann man
sehen, was passiert, wenn Texte zu Musik werden, die Klangfarbe der
Worte mit den anderen Instrumenten tanzt, und sich so ein geschlossenes
Ganzes ergibt, das Ihr mir zum Spielen zuwerft.
Aber das wisst
Ihr ja selbst. Letztlich habt Ihr erzählt, wieviel Arbeit dahinter
steckt. Dass da nicht vier Junggebliebene im Studio zusammenhocken, Bier
trinken und 'ne Menge Spaß haben. Rock'n Roll halt. Doch entspannten
Spaß habt Ihr erst nach getaner Arbeit. Auf der Bühne, wenn der kreative
Schaffensprozess im Kontakt mit dem Publikum belohnt wird.
So
etwas speziell Gutes, das habe ich begriffen, bedarf konzentrierten
Arbeitens. Die fehlende Kaffeemaschine im Studio, weil überhöhter
Blutdruck morgens um 8:30 Uhr nur den fokussierend konzentrierten Blick
auf das Wesentliche schwächt, spricht für sich.
Und nun habt Ihr
16 Jahre Erdmöbel auf eine CD gebracht. 17 Lieder aus verschiedensten
Schaffensphasen plus einen neuen. "Retrospektive" habt Ihr das genannt.
Auch wenn Markus sagt, dass es eher eine "Draufsicht" als eine zeitlich
aneinandergereihte Rückschau wäre. Und so klingen viele ältere Songs
eingebettet in diese Konstellation auch überraschend neu. Ihr habt das
nicht aus Nostalgie getan, lieber Ekki Maas, ich weiß. Vielmehr war es
Eure eigene Neugier, diese "Draufsicht" zu realisieren. Und so haben die
Fans, die Euch erst seit dem einschneidend erfolgreichen Album "Krokus"
kennen, nun auch die Chance, 16 Jahre "Erdmöbel" auf einer einzigen CD
genießen zu können.
Und ich werde einer der ersten sein, die das tun.
Letztlich
kann ich hier viel schreiben. Ich werde den Leuten lieber sagen, dass
sie Euch hören müssen. Denn wenn jemand von der Muse geküsst wird und
diesen Kuss weitergibt, dann sollte man die Tür öffnen und ansonsten die
Schnauze halten.
Das dachte ich übrigens, liebe Erdmöbel, schon
unmittelbar nach unserem Interview, als ich Euer Studio verließ. Ich
nahm nochmals all' die Gitarren wahr, das Schlagzeug, das Klavier und
diese ganze nach konstruktiver Kreativität riechende Atmosphäre.
Da klopfte wieder diese kleine, griesgrämige Schwester an, und neidisch stellte ich fest: Meine Wut. Wie weggeblasen!
Danke auch einstweilen, hochachtungsvoll...
Jens Rosskothen
Der Autor ist Singer-Songwriter und lebt in Bayenthal. Hier geht's zu seiner MySpace-Seite, und hier zur Website der Erdmöbel.
Am Freitag, 23.09.2011 erscheint mit "Retrospektive" das neue Erdmöbel Album.
http://www.meinesüdstadt.de/kultur/liebe-erdmöbel