Nürnberger Zeitung
Manchmal ist Wort das falsche Wort
Mehr als nur Musik: Erdmöbel
von Jörg Giese
Den originellen Sound ihrer letzten CD „No. 1 Hits“, einer
Sammlung deutscher Coverversionen von Robbie Williams bis Nirvana, haben
sie noch mal verfeinert. Die Gitarre bleibt dezent im Hintergrund, das
Piano trägt die schaumweichen Melodien, während Waldhorn, Posaune und
Querflöte in opulenten Bläsersätzen für dramatische Akzente sorgen. Dazu
kommt der Beatles-Bass von Produzent Ekimas, der nicht nur mit jedem
Jahr Paul McCartney ähnlicher sieht, sondern sich auch als Arrangeur mit
dessen Einfallsreichtum messen kann.
Die ausgefeilten Popsongs, deren musikalische Komplexität unaufdringlich
bleibt, bedienen sich zwar im Klangfundus der 60er, klingen dabei aber
höchst zeitgenössisch. Außergewöhnlich werden die Lieder schließlich
durch die Texte von Markus Berges. Er ist der große Verdichter unter den
Pop-Dichtern. Wo andere drei Strophen brauchen, reichen Berges drei
Worte. Das macht seine Texte nicht zugänglicher, aber reicher.
Neu ist, dass die Band jetzt sogar politische Töne anschlägt. „Fremdes“,
die aktuelle Single, reagiert mit einem Köln-Diss auf den Einsturz des
Stadtarchivs; „Arbeiten“ ermuntert zur Aufmüpfigkeit am Arbeitsplatz.
Gänzlich entgegengesetzt: Der Opener „77te Liebe“, in dem Berger rein
assoziativ „Petersilie, Seife, Feldspat, Nickel, Pferdehaar, Benzin“
aufzählt. Wie ein Verliebter, der seiner Süßen die verschlüsselten
Stichworte zuruft, bevor er im Refrain „Heirate mich“ jubiliert. Markus
Berges ist es übrigens egal, ob der Hörer sich die Mühe macht, seine
Texte zu enträtseln. Ihm geht es um die Freude am Klang von Worten, an
der Vieldeutigkeit ihrer Bilder. „Wort ist das falsche Wort“, singt er
an anderer Stelle, „es ist mehr Akkord.“
Wenig überraschend, dass Berges von Verlagen Anfragen erhielt, ob denn
da schon ein Roman in irgendeiner Schublade schlummere. Das war nicht
der Fall. Dafür nahm der Musiker das Interesse als Anlass, sich an sein
Prosa-Debüt zu wagen. In „Ein langer Brief an September Nowak“ erzählt
er von der 19-jährigen Betti, die von Münster zu ihrer Brieffreundin
nach Monaco fährt und enttäuscht feststellt, dass deren Leben in
Wirklichkeit viel langweiliger ist als auf dem Papier. Und so reist
Betti alleine weiter, um herauszufinden, wie abenteuerlich ihr eigenes
Leben sein könnte.
Erdmöbel: Krokus.