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14. Sep 2010
Ein Marketing-Coup? Vielleicht. Markus Berges veröffentlicht -
zeitgleich mit dem neuen Erdmöbel-Album 'Krokus' - seinen Debütroman
'Ein langer Brief an September Nowak'. Dass ein renommierter Verlag an
ihn herantrat, ist eigentlich nur eine logische Konsequenz:
Wortmächtiger, eigenwilliger und bildreicher als der Sänger dichtet
niemand im deutschsprachigen Pop. Auch auf 'Krokus', dem achten Album
der Kölner Band, kann man, ja muss man sich an Berges' Texten zunächst
lange reiben, um ein Gefühl von Wärme zu verspüren. 'Sorpe, Banfe, Schobse, Milz': Die zunächst krude wirkenden Worte,
die der Sänger dem Hörer zu Beginn von 'Fremdes' fast schon aggressiv
entgegenschleudert, sind nur ein leicht verstörendes Beispiel für
Berges' Lyrik. Gut, ein Blick ins Internet genügt, um festzustellen,
dass der Sänger hier einfach die Namen kleinerer deutscher Flüsse
aneinanderreiht. Dennoch formen sich die ungewöhnlichen
Bilder und Wortungetüme (schön etwa die 'Crackpfeifentaille' oder
'Ausstellung über das Glück' im Hygienemuseum Dresden) auf 'Krokus' eher
selten zu nachvollziehbaren Geschichten, wie es frühere famose Songs
wie 'Wette unter Models', 'Mit dem falschen Schatz in Venedig' oder
'Russischbrot' taten. Wenn man so will, gibt Berges selbst den entscheidenden Anhaltspunkt
für das Verständnis seiner Texte: 'Wort ist das falsche Wort / Es ist
mehr Akkord'. Und in der Tat: Oft klingen die Worte und Reime eher, als
dass sie Inhalte oder Geschichten transportieren, Berges' Gesang wirkt
eher wie ein zusätzliches Instrument. Überhaupt wirkt der Sound auf
'Krokus' insgesamt ausgefeilter und anheimelnder als auf vorherigen
Erdmöbel-Alben. Die Gitarren werden zum Großteil verbannt, oft spendet
das Piano Wärme und Melodie, Bläser setzen angenehme
60er-Jahre-Pop-Tupfer. Und nicht nur die sanfte Bossa-Nummer 'Brasilia'
verbreitet eine swingende Leichtigkeit, auf die Songwriter-Legenden wie
Burt Bacharach oder Henry Mancini neidisch werden könnten. All das macht 'Krokus' zu einem Album, das den Hörer vor den Kopf
stößt, während es ihn zeitgleich in die Arme schließen will. Ein Album,
das entdeckt werden will, entdeckt werden muss. Wäre schön, wenn der
Marketing-Coup dafür sorgt, dass sich nicht nur Erdmöbel-Fans darauf
einlassen.CD Kritik: Krokus (Pop) von Erdmöbel