Rolling Stone - Maik Brüggemeyer
Unser Film beginnt mit Abspann und Vorhang: Nach dem letzten Konzert
der letzten Tour hatten die Erdmöbel wieder Lust, ins Studio zu gehen,
um die bei den Konzerten gespielten Songs in den Live-Versionen noch
einmal aufzunehmen. Raus aus dem träumerischen, swingenden,
computergenerierten Studiopop von "Altes Gasthaus Love", rein in die
Interaktion zwischen Akustikgitarren, Kontrabass, Schlagzeug, Gesang,
Wurlitzer, Akkordeon, Gebläseorgel... Polaroids von den herumgereisten
Songs, "Fotoalbum", auf denen man ihnen die Bühnen, die Fans, die
langen Busfahrten, die Soundchecks und das nachmittägliche Warten auf
das Konzert am Abend ansieht. Als Band , die sich langsam vom - nun ja
- Liedermacher-Pop, zum Folkrock, zum großen Pop im Sinne von Prefab
Sprout, Pet Shop Boys, Sparks etc. bewegte und in deren Werk Remixe
eine so große Rolle spielen, sind die Erdmöbel eine Band der Bewegungen
und Umformungen. Wie am Ende des Konzertes in München vor einigen Tagen
"Der blaue Himmel" von der federleichten albumnahen Version in den
eigenen Remix, fast in die Kakophonie und wieder zurück an den Ursprung
wanderte. Überhaupt ein sehr wundervolles Konzert. Ein Wohnzimmergig im
halbvollen Orangehouse. Mit westfälischer Herzlichkeit (schon lange in
Köln ansässig, stammen sie ja eigentlich aus Münster). Dementsprechend
bildete das Publikum eine westfälische Reihe (so nennt man das in
Pädagogenkreisen): ebenso viele Mädchen wie Jungs, abwechselnd
nebeneinander stehend, der männliche Teil nickte mit, der weibliche
tanzte. Music girls can dance to - ist ja auch das Ziel der ganz
wundervollen Franz Ferdinand, vielleicht sollten sie lieber mit den
Erdmöbeln auf Tour gehen, anstatt im Vorprogramm der Sportfreunde
Stiller zu spielen. Das ("Aufnahme"-)Licht geht an: ein fast
barjazzmäßiges "Anfangs Schwester heißt Ende", das nach ein paar Taktes
in Richtung MTV-"Unplugged" abdreht. "Im ersten Stock tanzen wir Boss/a
Nova" - beim "/" kippt die Stimme von Markus um, zu hoch diese Töne,
klingt aber gut. Ein leises Lachen. Leicht verwackelt dieses Foto -
aber von hohem ästhetischem Wert. Der ursprüngliche Elektro-Shuffle "In
den Schuhen von Audrey Hepburn" kommt hier ebenfalls akustisch
reduziert. "Der blaue Himmel" gibt's mit Sample und Drum-Computer, wenn
auch nicht in der ausufernden Live-Version - eher eine Lomographie.
Aber der Himmel ist drauf. Der Sucher auf "Fotoalbum" ist eh sehr gut
eingestellt, bildschöne Versionen ihrer tollsten Songs: "Das Best von
Osten", "Ich weine", "Die Devise der Sterne", "Genau wie ich mir es
wünsche" (ohne Hall noch eingängiger), "Dreierbahn" und natürlich
"Tätowiert von innen". Bei Letztgenanntem spürt man eine Wehmut, die
dem Original nur versteckt innewohnt. Und die Zeilen "Ein ander'n Mal
wäre sie gern wie die Proletin da/ Wird gleich Poetin, denkt: So eine
ist doch wohl mehr Schiff als Frau/ Ihre Gracht ist diese feste weiße
Thrombosestrumpfhose/ Darin auf Zentnern dummer Suppe fährt das kleine
stolze Boot" bleiben natürlich unerreicht. In diesem Jahr wird's wohl
keine Tour mehr geben, aber vielleicht treffen wir die Erdmöbel auf dem
ein oder anderen Festival im Sommer wieder. So lang hilft "Fotoalbum"
(übrigens auch eine perfekte Einsteigerplatte), denn hier musizieren
sie schöner denn je.